SIEGFRIED
ZAWORKA
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BRACHIALE IKONEN

Siegfried Zaworkas Bildelemente könnten sich in ihren symbolhaften Erscheinungen als für den Konsumenten rasch wiedererkennbare Volumenkörper – als Glieder von Nahrungsketten und Stoffkreisläufen – behaupten. Doch Würste und Eier bilden neben floralen Versatzstücken bizarre Konstellationen, deren Dasein sich so nicht mehr auf ihr bloßes Vorhandensein als gefüllte Haut reduzieren lässt.

In hermetischer und flächiger Abgeschlossenheit treten die Dargestellten zunächst als tarnende und täuschende Einzelkämpfer auf und wirken sonderbar gefangen in dieser Rolle. Die szenische Welt, in der ihr Sein eingeschrieben ist, scheint aber zu flach geraten, um nicht mit anderen koexistieren und kooperieren zu müssen. Nebenbuhler nutzen also die zu ihren Mitstreitern existentielle Ähnlichkeit um darauf Divisionen und strategische Funktionseinheiten zu gründen. Kontrahenten werden so zu ihrem eigenen und gegenseitigen Abbild. Sie duplizieren sich unter dem Eingeständnis der Selbstaufgabe. Es bleibt noch nicht einmal die Unterscheidung aufrecht, was nun original und wer nun Reproduktion ist. Jetzt geht es auch nicht mehr um ein „Jeder gegen Jeden“, sondern vielmehr darum, gemeinsam gegen den Betrachter vorzugehen. Das kollektive Bekenntnis folgt nun einer Selbstgefälligkeit unter dem Ausschluss jeglichen Zweifelns. Ein solches, auf abgeschlossenen Symmetrien gegründetes Auftreten, erzeugt eine derartige Wucht, dass ein flüchtigen Betrachter erstmal in einen Respektsabstand verwiesen werden kann. In resoluter Attitüde wird hier die direkte Konfrontation propagiert.

Ein Gegenüber in solch einem Moment dann als symmetrisch zu begreifen, provoziert eine Charakterisierung des Pendants auf Basis von menschlichem Vertrauen. Doch auf solch ein Naheverhältnis lassen sich Zaworkas Ensembles nicht unbedingt ein, denn zu schnell geben sie dann ihre gemeinsame Behauptung auf und zerfallen wieder zu dem, was sie immer waren – zu befangenen und selbstvergessenen Solitären. Erkennbar als (Einzel)Objekte, aber untrennbar verstrickt in mysteriöse Verbände. An sich leblose Körper und lautlose Hüllen geraten in ihrer Symbiose zu brachialen Ikonen. Im Kollektiv betrachtet Prachtexemplare, als Individuum freigestellt erbärmliche Feiglinge. Ihr Fokus ist ihr wunder Punkt und bleibt eine Leerstelle, denn im Bekenntnis zu einer gespiegelten Welt steht niemand im Zentrum der Verantwortung. Die Wirkung solch einer Existenz gründet sich auf deren Nebenwirkung.

Zaworkas Heroen führen ihre Existenz als blutlose Patienten in einem Reich der Schatten. In schamloser, koketter Manier und unter dem Dekor ihrer eigenen Abwesenheit trotzen die abgebildeten (Lebens)Mittel und Güter  ihrer eigenen Konsumierbarkeit. Objekte der Begierde geraten in einen destruktiven Strom einer Selbstverweigerung und nehmen genau soviel  Raum ein, wie sie auch negieren. Im Bekenntnis zu dieser Pose trotzen die Darsteller dem Spott, dem sie sich selbst anbieten und werden so zu Fratzen. Die den Verbänden auferlegte Bürde der (Auto)Destruktion attackiert  auch jedes einzelne Individuum . Die Konsequenz aus dem Zerfall führt hier aber nicht zu einer erlösenden Auslöschung, sondern jeglicher Rest beginnt sich wieder und wieder auf sich selbst aufzubauen.

Siegfried Zaworka zeigt ein cleveres Gesamtsystem mit semi- intelligenter Belegschaft, die sich zum Plaisir des Betrachters leicht instrumentalisieren lässt. Diese Abbilder von Endlosschleifen reflektieren auch ihre eigene Machart der Lithographie. Zaworkas Formen wirken zwar nur grob skizziert, sind aber de facto in Stein gemeißelt und sind demnach tradierte Vorgabe und Erbe der Dargestellten. Druck gilt somit als ­ Wiederholung einer Idee und  als permanente Weitergabe einer Doktrin an die Dargestellten. Zaworkas Objekte sind derart in sich gekehrt, dass sie ihre Umwelt verleugnen. Ihre Choreographie ist eine nicht haltbare Balance…

Jakob Neulinger